Giorgi Shuradze, wie will hippybees die Landwirtschaft mit Robotik und Künstlicher Intelligenz revolutionieren?

1. Juni, 2021 | Hoa Le

Unser Spin-Off hippybees bringt Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft und Biodiversität, Farbe sowie Vielfalt auf die Felder. Der gesunde Wildwuchs, der bereits in vielen privaten Permakulturgärten einzog, wird nun durch Digitale Innovationen in der Landwirtschaft auf großen Feldern möglich.

Robotik und Künstliche Intelligenz sind Teil des Teams in der Zukunftsvision von hippybees und bieten so einen Perspektivenwechsel bei den Konsumenten, um die Landwirtschaft zu revolutionieren.

Innovation trifft Tradition

Worum geht es bei hippybees?

Giorgi Shuradze: Wir wollen mit hippybees die Landwirtschaft –  die Art und Weise wie Lebensmittel hergestellt werden – von Grunde auf umkrempeln, indem wir mehr Landwirten Zugang zu einer skalierbaren  und naturverbundenen Anbauweise durch Polykultur ermöglichen. Ohne Robotik und Künstlicher Intelligenz, wäre die Ernte in der großen Fläche nicht möglich, da jede Pflanze ihren eigenen Ernteprozess hat. Unser Fokus ist die Erforschung, Verbreitung und Skalierung der Polykultur-Landwirtschaft.

Polykultur, die natürlichste Form der Landwirtschaft

Was ist Polykultur?

Giorgi: Polykultur ist der Oberbegriff für Praktiken wie Agroforestry, Permakultur, Stripcropping oder Pixelcropping. Im Gegensatz zum traditionellen Monokultur-Setup kommen hier verschiedene Pflanzen auf einem Feld zusammen. Werden die richtigen Pflanzen kombiniert, entwickeln sie natürliche Synergien miteinander und die Bodenqualität verbessert sich, die biologische Vielfalt wächst und eine natürliche Schädlingsbekämpfung entsteht. 

Ein klassisches Stripcropping Feld. Bei diesem Verfahren werden verschiedene Pflanzenarten nebeneinander in Streifen angebaut. Ein Streifen ist in der Regel zwischen 3m und 12m breit.

Ist der Anbau von Polykultur auf besonderen Böden oder bestimmte Klimazonen beschränkt?  

Giorgi: Der Ursprung von Polykultur liegt in Südostasien und auch heute wird das vor allem dort praktiziert. Heute besteht die Möglichkeit es weltweit umzusetzen. Es geht darum, die richtigen Pflanzen zu kombinieren und auszuwählen, die für die bestimmte Klimazone geeignet ist. Das kann man überall tun, unabhängig von Klimazonen oder einer besonderen Bodenbeschaffenheit.

Warum ist das nicht bereits gängige Praxis? 

Giorgi: In der Nachkriegszeit lag der Fokus in der Landwirtschaft auf der Steigerung der Effizienz durch Standardisierung. Es ging um eine massive Mechanisierung der Landwirtschaft. Riesige Felder mit einer Feldfrucht wurden mit nur einer bestimmten Maschine bearbeitet. Das war technisch einfach, aber es ist weder nachhaltig, noch sind damit – trotz Einsatz von Düngern und Pestiziden – maximale Erträge möglich. Jetzt beginnt man diese Praxis zu hinterfragen. Mit Hilfe neuer Technologien im Bereich Machine Learning und Robotik ist es möglich, Polykulturen jenseits der Privatnutzung und Gartengröße zu skalieren.

Giorgi Shuradze ist Co-Founder von hippybees und steht hier vor einem Stripcroppingfeld in den Niederlanden.

Gibt es wissenschaftliche Belege für die Vorteile von Polykulturen gegenüber Monokulturen?

Giorgi: Ja! Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen in diesem Bereich, in Deutschland, in den Niederlanden, in den USA, in Kanada und in vielen anderen Ländern. Alle Ergebnisse zeigen, dass sowohl die Erträge als auch die Qualität des Bodens und die Artenvielfalt in den Gebieten steigen, in denen Polykulturen angebaut werden. 

Digitale Transformation der Landwirtschaft in enger Kollaboration

Warum gibt es trotz der vielen Vorteile kein anderes Startup neben hippybees im Bereich Polykultur?

Giorgi: Zum einen geschieht ein Bewusstseinswandel in der breiten Gesellschaft. Unsere Umwelt leidet und das sieht aber auch merkt man. Wir müssen endlich was tun, uns um unsere Umwelt kümmern. Immer mehr neue Lösungen entstehen im Bereich Circular Economy. Das Bewusstsein für nachhaltigen Lösungen steigt in jedem Bereich, auch in der Landwirtschaft. Der Verlust der Biodiversität und das Tempo, mit dem die biologische Vielfalt auf der ganzen Welt verloren geht, ist unvorstellbar. Und zum anderen haben wir jetzt die technologischen Möglichkeiten. Es gibt einige Durchbrüche im Bereich der künstlichen Intelligenz und Robotik, die eine Skalierung von Polykulturpraktiken über die Größe des Gartens hinaus ermöglichen.

Wie werden KI und Robotik eingesetzt? 

Giorgi: Stellt euch ein Feld vor, das mit einer einzigen Pflanze bepflanzt ist. Das ist einfach mit einer Maschine zu managen, oder? Aber ein Feld mit mehreren verschiedenen Pflanzen erfordert neue Technologien: Was pflanze ich zu welchem Zeitpunkt wo und in welchen Abständen an? Wie pflege ich ein gemischtes Feld? Wie ernte ich, wenn ich keinen großen Harvester einsetzen kann? Künstliche Intelligenz, insbesondere Bilderkennungssysteme, sind hier besonders wichtig und die Entwicklung von Robotik zum Management und der Ernte wird arbeitsintensive Schritte automatisieren, was langfristig die Kosten senkt. Diese Kombination von Polykultur-Praktiken mit den neuesten Technologien hat das Potenzial, nicht nur die Lebensmittelsysteme nachhaltiger zu machen, sondern auch die Kostenstruktur in der Landwirtschaft neu zu definieren.

Robotik ist ein essenzieller Bestandteil, um den Anbau von Polykulturen skalierbar zu machen. Auf dem Bild ist ein farm.bot im Einsatz.

Und welche Rolle spielt dabei hippybees?

Giorgi: Der erste Schritt bestand darin, sich auf den Markt zu konzentrieren. hippybees ist derzeit die erste Marke und einzige Plattform, wenn nicht sogar das einzige Unternehmen, dass ausschließlich Produkte aus Polykulturen in dieser Bandbreite anbietet. Unser Ziel ist es, einen Markt für solche Produkte zu etablieren und das Bewusstsein des Konsumenten für Nachhaltigkeit zu fördern. Darüber hinaus arbeiten wir an Software-Lösungen zur optimalen Planung und Design von Feldern sowie der Wahl der richtigen Pflanzen-Kombinationen. Eine Fülle an Aufgaben, die man nur in Kollaboration bewältigen kann.

Absolut! Wer sind die Partner von hippybees?

Giorgi: Wir sind sehr glücklich BIG PICTURE bei der technologischen Entwicklung als Hauptunterstützer zu haben. Außerdem ist die Zusammenarbeit mit Universitäten und Forschungseinrichtungen unabdingbar, die in dieser Richtung bahnbrechende Forschung betreiben. Insbesondere mit der Universität Wageningen in den Niederlanden und natürlich mit verschiedenen Landwirten, die diese Praktiken auf ihren Feldern aktuell anwenden und umsetzen.

Wie sieht die Ernte aus?

Giorgi: Die tatsächliche Ernte oder die Ernte unserer Arbeit?

Beides! 

Giorgi: Wenn es um die Feldarbeit geht, machen die Landwirte die Hauptarbeit, und wir versuchen, sie so gut wie möglich zu unterstützen, aber wenn es um die Ernte unserer Arbeit geht, ist das eine nicht enden wollende Aufgabe, bei der es immer um die nächsten Schritte geht. Wir ernten also eins nach dem anderen.

Was können wir in naher Zukunft von hippybees erwarten?

Giorgi: Wir wollen die erste Anlaufstelle für Polykultur werden. Mit unseren Kooperations-Partnern arbeiten wir daran, weitere Produkte aus Polykulturen unter der Marke hippybees anbieten zu können. 

Sehr spannend! Welche Herausforderungen gab es auf dieser Reise? 

Giorgi: Das ist eine etwas schmerzhafte Frage – die sehr frühen Tage der Unternehmensgründung waren anstrengend. Zwei Wochen nach Beginn des Venture Building-Prozesses im März 2020 wurde die landesweite Abriegelung aufgrund der Corona-Pandemie bekannt gegeben. Wir wollten jetzt so richtig loslegen und wurden abrupt gestoppt. All unsere Pläne mussten auf der Stelle geändert werden, es gab Lieferengpässe, die Landwirte konnten nicht arbeiten und die Entwicklung wurde pausiert. Plötzlich befanden wir uns mitten im Auge des Hurrikans. So fokussierten wir uns stark auf den Forschungsaspekt und legten die Basis für sehr viel Know-How, welches jetzt in der Auswahl der Produkte und der Go-To-Market Strategie zum Tragen kommt. Ich denke, dass die Tatsache, dass wir uns diesen Herausforderungen gleich zu Beginn stellen mussten, uns noch stärker und unsere Kollaborationen mit BIG PICTURE aber auch den Universitäten sowie Landwirten gefestigt hat.

Einblick in Jemimas Polykulturfarm Zuylestein. Eine der vielen Kooperationspartner*innen von hippybees.

Woher kommt der Antrieb zum Weitermachen? 

Giorgi: Etwas gesellschaftlich Wichtiges tun, etwas Interessantes erschaffen, an einem relevanten Thema arbeiten, das ist letztendlich das, was uns antreibt.

Was war das schönste Erlebnis seit dem Start von hippybees? 

Giorgi: Ich denke, das war die Zeit der Orientierung und die Entscheidung, wie wir uns positionieren wollen. Die Richtung zu finden, also wirklich den ersten Schritt zu machen und diesen dann aus voller Überzeugung zu gehen. Die Hingabe zu einem persönlichen Herzensthema und das Potenzial zu sehen, dass wir die Welt ein kleines Stück besser machen können.

Wie sähe eine Welt aus, in der Polykultur die Oberhand gewinnt?

Giorgi: Diese Welt wäre sehr bunt. Natürlicher. Ich würde sagen, sie würde einem Garten ähneln, mit vielen bunten Pflanzen. Ein Ort an dem man gerne lebt. Im Einklang mit der Natur.

Dieses Interview führten Maximilian Vogel und Hoa Le.

Mehr Informationen zu hippybees:

https://www.hippybees.com
https://www.instagram.com/hippybees