Ist Künstliche Intelligenz die Zukunft des Theaters?

22. Juni, 2020 | Hoa Le

Wer hätte gedacht, dass wir mal auf der Bühne stehen würden? Na ja, fast.  – Auf der Bühne stehen nicht wir selbst, sondern „Oracle“, unser Conversational Agent. Wir haben ihn in Zusammenarbeit mit den Münchner Kammerspielen für das gleichnamige Stück entwickelt. 

Regisseurin Susanne Kennedy bringt hier mit dem Künstler Markus Selg ein Stück auf die Bühne, das den Wirklichkeitsraum in Frage stellt. Wo die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, zwischen Raum und Zeit, zwischen Sein und Schein ineinander übergehen. Vorausgesetzt man begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit und besucht das „Oracle“. Allerdings antwortet dieses nicht mit hilfreichen Ratschlägen, sondern erwidert die Fragen seines Gegenübers mit kryptischen und rätselhaften Weisheiten. Die Deutung dessen obliegt am Ende dem Ratsuchenden selber. 

In Zeiten von Corona scheint ja jede Umgebung, die nicht die eigene Wohnung ist, fremd und surreal. Mit seiner begehbaren Installation schafft Markus Selg im Theater einen weiteren Ort, der nicht von dieser Welt zu sein scheint. Deutschlandfunk Kultur ist davon offensichtlich überfordert. Es herrsche „eine derartige Reizüberflutung, dass die Reflexion und Innenschau (…) , eher verhindert als befördert“ wird. Die Antworten des „Oracle“ hinterließen den Eindruck „vorkonfektioniert“ zu sein, sodass die Vermutung aufkam, es sei nicht von Bedeutung „was man fragt.“

„Ein Zwitterding zwischen Theater und Museum, Schauspiel und Virtual Reality.“

Die Deutsche Bühne, Anne Fritsch am 16.06.2020

Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung zeigt sich da offener: „Es spricht, es reagiert – und irritiert.“ Das „KI-Orakel“ beschreibt Drössel als „nicht etwa renitent oder inkompetent, nur manchmal ein bisschen fies“, es lerne auch dauernd dazu und wachse an der Inszenierung. Das Stück und vor allem das Bühnenbild seien eine Art „einziger Sinnesrausch, ein Overkill aus Farben, Klängen, Videobildern, Stimmen, Zeichen und Verweisen, gegen dessen Eso-Kitsch man sich innerlich sträuben, aber kaum erwehren kann“. Man müsse dem „nach anfänglicher Einfühlungsverweigerung – doch eine Suggestionskraft und Schönheit abgewinnen.“

„Es ist ein lernendes KI-System, das mit den Fragen der Besucher wächst und tatsächlich auf sie reagiert“, ist in der Nachtkritik über „Oracle“ zu lesen. Die Autorin hat Mitte Juni eine „BETA-Version“ in den Münchner Kammerspielen besucht. Die Autorin schreibt: „Es ist eine alptraumhafte und unendlich traurige Welt, die sie zusammen mit den Künstlern kreiert haben – auch, weil einen die Nicht-Mehr-Menschlichen aus abgrundtief müden Augen anschauen. Vor allem die Schauspieler, aber auch ihre synthetischen Kollegen.“

„Oracle“ ©BIG PICTURE

Die Frankfurter Allgemeinen Zeitung wagt dagegen selbst eine Prophezeiung: „In hundert Jahren wird Theater ganz anders aussehen. Das Orakel hat es gezeigt.“ Und die Zuschauer gehen zwar nicht mit neuen Erkenntnissen oder klaren Anweisungen heraus, aber vielleicht mit diesem ziemlich modernen Gedanken: „Die KI lernt im Laufe des Stücks mit – ihre Antworten, aus dem Internet gespeist, werden mit der Zeit differenzierter. Und ihre Wahrsagungen also wahrscheinlicher?“

Titelbild © Judith Buss Ixchel Mendoza Hernandez